Das depressive Erleben zeichnet sich durch Lustlosigkeit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit aus – bereits Handlungsabsichten oder Ideen fühlen sich schwer an und erschöpfen. Deshalb haben Betroffene auch häufig das Gefühl, dass sie über keine Energie verfügen, ja vielleicht sogar keine mehr haben. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Bei der Depression werden grosse Energiemengen aktiviert – aber nicht nach aussen gerichtet, sondern gegen sich selbst, nach innen. Es ist so wie das Autofahren mit angezogener Handbremse oder noch besser: ein Marathonlauf auf einer Bleistiftspitze. Kein Wunder also, dass es zu extremen Erschöpfungserscheinungen kommt.

Wie kommt diese Situation zustande? Depressiv Betroffene haben meist über lange Zeit viel emotional und leistungsfähig gegeben: Sie haben sich für ihren Betrieb mit ihrer Arbeitskraft eingesetzt, für ihren Partner oder die Familie sich zurückgenommen, sich gegenüber ihren Mitmenschen aufgeopfert, für ein inneres Ziel alles geleistet – ohne genügend oder überhaupt etwas zurückzubekommen. Es entsteht ein emotionales Minuskonto. Das innere Konto weist einen Minusbetrag auf, der sich als Enttäuschung, Unzufriedenheit, Erleben von Undankbarkeit und Ärger äußern kann.

„Der Depressive empfindet genau dieses Ungleichgewicht in der Bilanz zwischen dem, was er investiert und gegeben hat, und dem, was er daraus erzielt. Er lebt mit dem unterschwelligen Gefühl, von anderen oder vom Leben betrogen, bestohlen und übervorteilt worden zu sein. Er ist aggressiv, aber seine Aggressionen wirken gestaut und blockiert, werden indirekt geäußert oder richten sich gegebenenfalls gegen sich selbst und enden im Extrem im Suizid“ (Meiss, a.a.O, S.497).

Das ist die Ausgangssituation: Es gab eine längere, manchmal Jahrzehnte währende Überforderungssituation, eine Zeit intensiver emotionaler Leistung für andere oder für ein Ziel, ein Projekt oder einen Wert, die nicht erwidert wurde. Sei es aus Absicht oder Ignoranz, viel häufiger aber wegen unterschiedlicher Erwartungen, unterschiedlicher Entwicklungen oder aber wegen äußerer Einflüsse wie Trennung oder Tod eines geliebten Menschen oder aber auch dem Erwachsenwerden der Kinder.

Hohe Leistungsansprüche bei den Betroffenen gehen notwendig immer einher mit Selbstvernachlässigung. Die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte werden nicht ausgedrückt, dürfen sich nicht äußern oder werden verleugnet. Der eigene Bewegungsspielraum, die eigenen Impulse werden immer mehr im Interesse der Leistungsfähigkeit für den Sozialpartner oder den angestrebten Erfolg zurückgenommen. Das läßt sich gut am Burnout-Erleben verdeutlichen: Es beginnt damit, dass man sich selbst überfordernde Aufgaben stellt, die für einen allein oder in dieser Situation gar nicht bewältigbar sind. Die Betroffenen erhöhen beständig ihre Anstrengungen, um doch noch ihre Aufgabe erfüllen zu können und erfolgreich zu sein. Eigene Bedürfnisse nach Ruhe oder Entspannung werden manchmal jahrelang ausgeblendet und übergangen, um den Leistungen nachkommen zu können. Es wird immer mehr Energie verbraucht und parallel immer weniger aufgenommen. Zusätzlich wird immer mehr Energie gegen sich selbst gewandt, um die eigenen Bedürfnisse unter Kontrolle halten zu können.

Die Betroffenen sind also nicht nur im Minus in ihrem emotionalen Konto wegen mangelnder Gegenleistungen oder Anerkennungen. Sie sind auch deswegen im emotionalen Minus, weil sie sich ihre Reaktionen auf diesen emotionalen Fehlbetrag nicht erlauben können. Ärger, Wut, Enttäuschungen über diese Situation dürfen nicht artikuliert werden oder werden so artikuliert, dass sie gar nichts bewirken können (z.B. als unangekündigte Wutausbrüche). Sie werden nach innen gewendet und dienen der weiteren Leistungssteigerung durch Selbsteinschränkung.

Die Betroffenen zahlen einen doppelten Preis, der sich immer weiter erhöht: Für die Leistungssteigerung zahlen sie den Preis der Impulsrücknahme, für die Impulsrücknahme zahlen sie den Preis erhöhter Selbstanforderung. Dieser doppelte, sich selbst aufrechterhaltende Preis legt sich wie ein Schleier über Leid, Enttäuschung und Gereiztheit. Der point-of-no-return stellt sich ein. Der Depressive kann die Ursachen und Folgen seiner Situation nicht mehr fühlen, nicht mehr ganz verstehen: Kraftlosigkeit, kreisförmiges Grübeln, versteinerndes Erleben legen sich wie eine Dunstglocke über die Betroffenen. Es verbleiben leeres Schulderleben und vorwurfsvolle Antriebsleere.

Das depressive Verhalten zeichnet sich also einerseits durch ein leistungsmässiges und emotionales Geben ohne Nehmen aus, andererseits durch ein Nehmen von Einschränkungen und Bedürfnisrücknahmen ohne Geben von Wut und befreienden Impulsen. Das innere Konto ist doppelt in einem Ungleichgewicht.

Was bedeutet das? Tatsächlich ist das depressive Verhalten immer auch ein Lösungsversuch: Das Dilemma dieses doppelten Ungleichgewichts, das durch das Erleben des Missverhältnisses von gegenwärtigem Ist-Zustand und zukünftigem Soll-Zustand entsteht, soll gelöst werden, ohne aber die Zielorientierung aufzugeben. So ist das depressive Grübeln oder Beschuldigen immer auch der Versuch, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen, sich mit sich selbst und der eigenen Situation zu beschäftigen – allerdings immer um den Preis, das überfordernde Anforderungsziel beizubehalten. Wegen dieser doppelten und so unlösbaren Anforderungssituation kommen die Grübeleien daher nie zu einem schlüssigen Ende. Es ist der Versuch einer Lösung, der immer wieder an sich selbst scheitert.

Therapeutische Lösungen arbeiten daher mit den Ressourcen von Depressiven: Die Betroffenen sind äußert leistungsfähig, sehr pflichtorientiert, haben hohe Werte, eine hohe Empathiefähigkeit und können sich gut disziplinieren. Um einen zielorientierten beharrlichen Weg der kleinen Schritte, d.h. der erfolgreichen kleinen Schritte zu gehen, bedarf es genau dieser Fähigkeiten. Antriebs- und Energielosigkeitserleben sind die ersten Schritte, um sich abzugrenzen, weil der Körper „einfach nicht mehr kann“. Es werden erstmals Entlastungspausen ermöglicht. Was der Depressive sich halb erlaubt, um es dann wieder als Schuldvorwurf zurückzunehmen – deshalb dürfen diese Entlastungspausen auch nicht genossen werden und nicht erholend erlebt werden – wird in der Therapie genutzt und entwickelt. Das hochentwickelte Fremdeinfühlungsvermögen der Betroffenen wird im eigenen Interesse genutzt. Das Erleben von Hilf- und Gefühllosigkeit, Erstarrung und innerem Tod wird als Schutz vor den überfordernden Selbstanklagen und dem eigenen aggressiven Regime des Funktionierens genutzt.

Ein kleines – hoffentlich banales - Beispiel soll das illustrieren: Der Therapeut verschreibt dem depressiven Klienten, morgens auf dem Weg zum Briefkasten ein paar Schritte vor die Tür zu machen. Der Klient berichtet beim nächsten Mal, dass er es schon versucht habe, dass er sich dabei aber sehr überflüssig vorgekommen sei. Auch sei das Gefühl der Schwere sehr stark gewesen. Nachgefragt, was denn so überflüssig erlebt worden sei, antwortet der Klient, dass er den Sinn des Unternehmens nicht verstanden habe, er habe das Ziel nicht gesehen. Einfach rauszugehen sei keine sinnvolle Aufgabe angesichts der Ziele, die er früher hatte und die er sich für die Zukunft wieder erarbeiten wolle.

Daraufhin antwortet der Therapeut: „Das Ziel ist, dass sie etwas tun, nicht weil sie etwas tun sollen oder müssen, sondern dass sie sich tätig erleben können. Das Ziel ist, sich beim Tun wahrzunehmen, zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu schmecken, wie sie etwas tun. Weil dies aber für sie unsinnig ist, wie ich verstanden habe, verschreibe ich Ihnen in Zukunft folgendes: Gehen sie nicht einfach nur vor die Tür, sondern gehen sie regelmässig auf ihrem Briefkastengang zur nahen Kaufhalle, um dort ein Produkt, nicht keins, auch nicht zwei oder drei, sondern ein Produkt zu kaufen, das sie am folgenden Tag, nicht am gleichen, und auch nicht am übernächsten Tag, verwenden werden.“

(Weiterführende Literatur: Klaus Mücke, Hilf Dir selbst und werde, was du bist, Potsdam 2004, Ökosysteme; Ortwin Meiss, Depressionen, In: Revenstorf, u.a., Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin, Heidelberg